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Samstag, 29 Juni 2019 13:21

Nachdenklich an einem Ort des Todes

geschrieben von

Was fühlen wir, wenn wir einen Friedhof betreten? Manch einer mag mich wegen dieses Blogartikels morbid nennen, obwohl ich wahrscheinlich nichts weniger bin.

Wer mich kennt, beschreibt mich als fröhlich, manchmal recht verträumt oder anstrengend-effektiv und etwas zu anfällig für bedrückende Situationen oder Schicksale.
Das passt natürlich schon zu meinen Gedanken zu den vielfältigen Weisen, wie wir unseren Liebsten die letzte Ruhe gönnen. Darüber nachgedacht habe ich erstmals bei meinem Besuch in Irland.

Als ehemalige Münchnerin bin ich mit dem Waldfriedhof im Süden der Stadt vertraut, der sich durch ein riesiges dunkles, mit hohen Bäumen bewachsenes Gelände mit einer großen Eichhörnchenpopulation auszeichnet. Hier gibt es einige monumentale Gräber betuchter oder berühmter Persönlichkeiten, aber auch ganze Quadranten völlig identischer zierlicher Metallkreuze von Nonnen oder Priestern. Dazwischen lauter unterschiedliche Gedenksteine auf Gräbern, die mit Steinen, Pflanzen oder auch nur schwarzer Erde abwechselnd gepflegt werden – oder schmerzlicherweise nicht.
Da ich mittlerweile nicht mehr in der Stadt lebe und diesen Umstand selten vermisse, bin ich ebenso wenig unter den fleißigen Grabpflegern. Doch das plötzliche Eintauchen in einer Welt der Entschleunigung lässt mich nach dem Befahren des hektischen Mittleren Rings jedes Mal zur Ruhe kommen.
Dann lese ich, mit dem modrigen Waldduft in der Nase, im Vorbeigehen die Inschriften auf den Steinen, die in Deutschland ja recht knapp gehalten sind. Gelegentlich steht unter dem Namen des Verstorbenen außer dem Geburts- und Sterbedatum eine erwähnenswerte Berufsbezeichnung wie Doktor, Professor, Stadtrat oder Bürgermeister.

In Irland dagegen scheinen massive hellgraue Steinkreuze aus den grünen Hügeln zu wachsen, als wollten sie den Verstorbenen einen wundervollen Ausblick bieten.

Irland Kilkenny Rock of CashelEs gibt keine fest eingefassten Gräber, die Inschriften auf den Kreuzen sind nicht so kunstvoll gemeißelt wie bei uns. Oft wirkten die Buchstaben unterschiedlich groß oder der Abstand nicht perfekt. Aber man findet dafür liebevolle Worte für die Verstorbenen: »In loving memory of your husband« oder »we miss you«, was mich sehr berührt hat. Oder auch mal eine Charakterbeschreibung: »you were the sun in our life«. Auf jeden Fall fällt auf, dass Platz keine Rolle spielt, ebenso wenig achtet man auf die In-Reih- und Gliedanordnung.

Wicklow Mountains

Wieder ganz anders wird es in Italien, am Gardasee, gehandhabt: Hier ist Platz wichtig, denn eingekesselt von den Bergen bleibt kaum Raum für Häuser und Straßen, und noch weniger für Gräber. Hier werden die Toten manchmal begraben, aber auch oft eingeäschert und hinter Marmorplatten übereinander zur Ruhe »gelegt«. Die Verbliebenen trauern deswegen nicht minder als woanders, und sie verschönern die Stätten auf ihre freundlich-fröhliche Art und Weise.

Gardasee Friedhof
Beeindruckt hat mich vor vielen Jahren der Friedhof unterhalb des Montmartre in Paris. Riesige Monumente in hellem Sonnenschein, eine Gruft mit Engeln neben der nächsten. Berühmte Namen unter hellgrünem Laub, und Tulpenbeete, deren kräftige Farben das leidende Herz sicher erreichen und trösten.

Paris Friedhof

Im Bayerischen Wald, in Waldkirchen, ist der Friedhof steil den Berg hinauf angelegt und die Grabpflege daher kraftraubend. Der Blick ins Umland belohnt dafür phänomenal, damit gönnt man den Verstorbenen das Beste. Die Gräber sind meist mit schönen Marmorplatten eingefasst und oft moderner dekoriert.

Neulich bin ich in Rosenheim auf dem Weg zum Radiointerview an einem Friedhof vorbeigeschlendert, und die Lichtstimmung vor einem Gewitterregen hat mich neugierig hinspähen lassen. Hier finden sich eher einfache Blumen, die mit ihrer bunten Freundlichkeit bezaubern.

Rosenheim Friedhof

Wie gesagt, ich bin wohl gelegentlich etwas seltsam. Natürlich erinnere ich mich mit einem weinenden und wenn ich an schöne Erinnerungen denke – einem lächelndem Auge an meine Familienangehörigen oder Freunde, die ich »besuche«.

Ich stehe jedoch auch plötzlich vor einem fremden Grab und habe den Wunsch, mehr über den Menschen zu erfahren, der hier liegt. Es kann der Name sein, der mich anzieht. Oder die Worte, die über ihn/sie geschrieben wurden. Die Geschichte, die sich manchmal tragisch aus den Daten erklärt, wenn unter der Mutter ein Baby beerdigt wurde. Wie ging es dem Mann und Vater dabei? Hat er wieder Mut gefasst und eine neue Familie gegründet?
Ein einsamer Name auf einem ungepflegten Grab: War derjenige, der darin liegt, der letzte seiner Familie? Warum? Wo sind seine Angehörigen hingezogen? War der Grund die Arbeitssuche oder eine Heirat in eine fremde Gegend?

In Irland haben mich auch die sehr alten Jahreszahlen nachdenklich gemacht. Und gerade als meine Tochter und ich vermuteten, dass es für die aktuellen Dorfbewohner einen neuen Friedhof gibt, zum Beispiel im berühmten Glendalough oder auf dem Rock of Cashel, fanden wir einen Stein, der erst im letzten Jahr dort aufgestellt worden war.
Geschichte und Schicksale – für mich sind das die interessantesten Aspekte unseres Daseins, denn sie sind unglaublich vielfältig:
Sie erzählen von den Menschen, die in den schlimmen Zeiten, welche Irland erleben musste, im Kloster auf dem Rock of Cashel Schutz vor Überfällen suchten, aber in den zugigen Mauern dennoch an Hunger oder Kälte starben.
Berühmte Persönlichkeiten, die oft um den Ruhm beneidet wurden, vielleicht sogar manchmal deshalb ihr Leben wegwarfen oder sich für andere opferten.
Nonnen oder Priester, die ihr Leben Gott widmeten und einfachste Lebensumstände wählten. Warum taten sie das? Manche aus dem tiefen Glauben, andere weil es üblich war, dass einer in der Familie Gott dienen sollte? Oder aus einem Schicksal, das sie Zuflucht suchen ließ?
Es gibt Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, an Beerdigungen alleinstehender Verstorbener teilzunehmen und gelegentlich Blumen auf dessen Grab zu legen. Weil sie der Meinung sind, jemand sollte diesem verlöschten Leben gedenken. Ist das nicht erstaunlich und ehrfurchtsvoll?
Als Jugendliche war für mich der Gräberbesuch eine unumgängliche und ungeliebte Pflicht. Ich bin mir auch sicher, dass ich selbst lieber eingeäschert und »platzsparend« zur letzten Ruhe gebracht werden möchte. Gerne kann meine Asche auch über Inn oder Gardasee fliegen, falls das erlaubt ist. Ich möchten meinen Kindern so wenig Mühe wie möglich machen. Aber: Es sollte einen Platz der gemeinsamen Erinnerung geben: Die Sandbank am Inn zum Beispiel, an der wir uns mit Freude als Familie aufhielten.
Nein, ich werde jetzt nicht rührselig oder doch morbid.
Mir ist einfach wichtig, dass wir die Geschichte – im großen Gesamten oder in unserer kleinen Einzelwelt – respektieren und ebenso jedes Individuum in seiner Art und Weise. Und es damit besser machen als viele unserer Vorfahren.

Eure nachdenkliche Katie


Eine Leseprobe zum Thema Friedhof aus »Magnolia - Zauber des Südens«. Nola und Jake besuchen New Orleans, um Jakes ehemaligen Vorgesetzten zu einem Mord zu befragen, der einen Unschuldigen zur Flucht zwang.

New Orléans war nach dem Aufbau jünger, weißer und reicher geworden. Eine traurige Folge für die ursprünglichen Einwohner in diesem Schmelztiegel der Rassen.
Zu meiner Freude fuhr ein Schaufelraddampfer an uns vorüber. Johlende Menschen, dazwischen viele mit Kameras, drängelten sich an der Reling. Flotte Jazz-Melodien, die sogar ich Cowgirl schon gehört hatte, drangen über das Wasser zu uns.
Eine andere Welt – wunderschön!
»Die Natchez legt weiter vorne am French Quarter an. Da kannst du sie dir genauer ansehen, wenn du magst«, plauderte der kundige Reiseführer an meiner Seite.
Wir wanderten am Ufer entlang, bis wir auf Schienen trafen. Bald sprangen wir in eines der Streetcars, einer Straßenbahn, die auf mehreren Linien Touristen und Einheimische quer durch die Stadt befördert.
Die St. Charles-Line brachte uns näher an die historischen Stadtviertel. Aber zuvor bekamen wir Einblicke in den Garden District, wo Villen und viktorianische Cottages an wunderschönen Alleen lagen.
Als wir ausstiegen, wurde ich makabrerweise zunächst über den Lafayette-Friedhof geführt. Dieser Ort war etwas ganz Besonderes.
Riesige weiße Grabmonumente standen eng neben kleineren. Dazwischen wuchsen Bäume, knorrig und krumm. Schmiedeeiserne Tore hingen schief in den Angeln. Vasen mit bunten Blumen verzierten die Grabstellen, die zum Großteil mit gemeißelten Bildern versehen waren.
»Eine ganz ungewöhnliche Art, die Menschen zu beerdigen«, meinte ich nachdenklich. Irgendwie kam mir die Szenerie bekannt vor.
»Hab ich das schon mal gesehen?«, fragte ich Jake, und er nickte.
»Ja, Hollywood lässt grüßen. Hier wurden einige Filme gedreht. Ich glaube, Interview mit einem Vampir war darunter. Beerdigen kann man hier übrigens nicht, der Boden ist einfach zu feucht, deshalb werden die Toten in diesen Monumenten aufgebahrt. Der bekanntere, ältere Friedhof, der St. Louis, befindet sich im French Quarter, aber da wimmelt es von Menschen, weil dort die angebliche Voodoo-Königin Marie Laveau bestattet wurde. Soll nachts ganz schön unheimlich sein, und man wird vor einem Besuch im Dunklen gewarnt.«
Ich warf ihm einen spöttischen Blick zu.
»Voodoo?«
Gespielt fassungslos gab er zurück: »Nola, willst du andeuten, du glaubst nicht an Voodoo?«
Er riss die Augen auf, dann grinste er und gab zu: »Na ja, die Gefahr geht eher von denen aus, die Schabernack oder Kriminelles treiben. Was hältst du von einer Kaffeepause?«
»Ich dachte schon, du fragst nie. Als Caféhaus-Besitzerin ist man besonders entzuggefährdet.«
»Der Jackson Square hat schöne Cafés. Da suchen wir uns ein nettes Plätzchen.«
Kurz darauf ließen wir uns unter einer Markise nieder und beobachteten die Vorübergehenden, -schlendernden und -tanzenden. Was für eine quirlige Stadt. Ich dachte an die Double-J-Ranch und die Unterschiede.
Könnte ich in einer Stadt leben? Ja, hier war das keine ganz abwegige Vorstellung.
Jake verschwand im Inneren des Hauses, um zu zahlen. Da fiel mir ein Mann auf, der mit dem Rücken zu mir im Café nebenan saß und in einer Zeitung las. Die weißen Hosen mit der scharfen Bundfalte erinnerten mich an die Ausgehuniform der Marines und damit an den eigentlichen Zweck unseres Hierseins. Bald würden wir Stephen Woodrow treffen. 

  buchcover big

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Letzte Änderung am Sonntag, 30 Juni 2019 14:49