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Katie S. Farrell - Autorin für Romantikthriller – Katie S. Farrell
Katie S. Farrell

Katie S. Farrell

Erholung pur in 24 Stunden

Wie lange braucht man, um abzuschalten und ruhig zu werden? Zehn Tage heißt es im Allgemeinen. Aber es geht auch kürzer!

Summerfeeling auf dem Sommerfestival Rosenheim

Was kann schöner sein, als in heißen Sommernächten mit Tausenden anderer Menschen auf einem leicht malträtierten Rasen zu stehen und toller Musik zu lauschen?

Nachdenklich an einem Ort des Todes

Was fühlen wir, wenn wir einen Friedhof betreten? Manch einer mag mich wegen dieses Blogartikels morbid nennen, obwohl ich wahrscheinlich nichts weniger bin.

Land der Mythen und Musik

Das grüne Land voller Mythen – Natur pur, kleine Dörfer mit reetgedeckten Dächern, gemütliche Pubs und prasselnde Kaminfeuer – so hatte ich mir Irland immer vorgestellt.

Neugierig auf die Welt

Bin ich nicht ausgelastet? Zwei Jobs, Familie, Haus, mit drei Genres als Autorin am Start? Doch eigentlich schon, muss ich offen zugeben.

Lana – Auf gefährlichen Pfaden

Romantikthriller (Die Dawsons – Serie, Band 5)

Obwohl sich ein psychopathischer Killer an ihre Fersen heftet, knistert es zwischen der eigensinnigen Polizistin Lana und dem ehemaligen Adrenalinjunkie Finn.

Beschreibung

Lana, RomantikthrillerIn Teil V der Reihe begleitet die eigenwillige Polizistin »Lana« eine Familie durch die Wildnis Colorados als Schutz vor einem entflohenen Serienkiller. An ihrer Seite: ein Mann mit verhängnisvoller Vergangenheit, der bei Lana für zusätzliche Aufregung sorgt.

Die Geschichten um die Dawson-Geschwister und ihre Freunde können unabhängig voneinander gelesen werden. Die Storys im Stil von Nora Roberts sind meist in der Nähe von Boulder, Colorado angesiedelt.

 

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort
  2. Boulder PD
  3. Sturm in der Nacht
  4. Wildnis
  5. Sprung in die Tiefe
  6. Überwältigt
  7. Es ist noch nicht vorbei
  8. Albtraum
  9. Liebe und Wahnsinn
  10. Kein Sieg ohne Risiko

Leseprobe

Der schrille Schrei einer Eule riss mich aus meinen Träumen. Ich zwinkerte und versuchte mich zurechtzufinden. Die dunkle Hütte lag hinter uns, alle schienen zu schlafen. Das Feuer war niedergebrannt, nur ein rotes Glühen knisterte zu unseren Füßen.
Finn starrte mich immer noch an, in seinen sonst so sanften Augen loderte die Herausforderung.
Zum zweiten Mal, seit ich ihn kannte, war der lässige Sunnyboy verschwunden und hatte einem anderen Mann Platz gemacht.
Sein schmales Gesicht wirkte kantig, sein drahtiger Körper in den Schatten der Nacht kraftvoller und der Mund mit den festen Lippen sinnlich und ungewohnt verführerisch.
»Du weißt, dass die Gefahr die Situation für uns beide verändert, nicht wahr, Finn?«, fragte ich ruhiger, als mir zumute war. Er beugte sich zu mir, und ich spürte seinen Atem an meinem Ohr.
Aufreizend und auf eine gefährlichere Art flirtend, nicht so unverbindlich wie früher, raunte er ganz nah: »Wer sagt, dass dies etwas Schlechtes sein muss, Lana? Das wissen wir doch nur zu gut vom letzten Mal. Damals war es ein Sturm, heute ist es eine andere Art der Bedrohung. Ich habe oft von dieser Nacht geträumt, Lana. Lass sie uns wiederholen!«
Ich saß stocksteif da und begriff nicht, warum ich ihn nicht abwehrte.
»Finn, ich will dich nicht ein weiteres Mal verletzen.«
Es hatte sich nichts geändert. Er war immer noch nicht mein Typ, ich dachte nie großartig über ihn nach. Nur diese eine Nacht hatte sich in meine Erinnerung gebrannt, als wir am Boden vor meiner Couch gelandet waren und uns anschließend geliebt hatten. Wild, rücksichtslos einander verschlingend. Und nun geschah wieder das Gleiche?
Ein Schauder lief mir über den Rücken, was sich alles andere als unangenehm anfühlte.
War ich trotz meiner Ausbildung empfänglich für das Adrenalin der Gefahr durch Beale? Sportliche Risiken ließen mich eher vorsichtig werden und die beruflichen hatten mich bisher nie in die körperlich-erotische Nähe eines Mannes gebracht.
Seine dunkle Stimme raunte:
»Ich kann diese Nacht nicht vergessen, Lana. Keine Frau hat mich die Welt um mich herum so vergessen lassen wie du. Wenn das alles ist, was ich von dir bekommen kann, muss ich mich eben damit begnügen und mit den Konsequenzen leben. Denk nicht darüber nach.«
Dicht an meinem Ohr fügte er hinzu: »Lass dich noch einmal auf mich ein, Lana!«
Weshalb raste mein Herz nun in dieser Situation mit einem Mal?
Und aus welchem Grund legte sich meine Hand, statt ihn wegzuschieben, in seinen Nacken und zog seinen Kopf so bestimmt in unmittelbare Nähe, dass ich meine Lippen auf die seinen legen konnte?
Er stieß einen tiefen Ton der Befriedigung aus, dann spürte ich seinen Arm um meine Taille und stöhnte leise, als er mich hochhob und auf seinen Schoß setzte. Seine Hand legte sich an meine Wange und wärmte sie in der kalten Luft. Dieser Mann konnte küssen, wenn er es nicht sogar erfunden hatte. Ich war froh, dass ich durch seinen Arm am Rücken gestützt wurde, denn ich fühlte mich ungewohnt schwach. Das Blut rauschte durch meine Adern, was ich tosend in meinen Ohren hörte. Wahnsinn!
»Lana«, murmelte er, und ich erkundete mit meiner Hand den Menschen, der mich in einen Zustand versetzte wie keiner zuvor.
Sein Hals war sehnig, die Schultern breit, und ich fragte mich, warum mich die klar definierten Muskeln an Brust und Armen erstaunten. Ich wusste doch, dass Finn Extremsportler gewesen war. Er lief nach wie vor Parcours, kletterte die steilsten Felsen hinauf und hatte in seiner Wohnung ein kleines Fitnessstudio eingerichtet.
Dieser Mann formte seinen Körper, das musste eine Frau entzücken. Eine schmale Taille, kräftige Beine, denen mein etwas zu großzügiges Gewicht offensichtlich nichts ausmachte. Dass er auch genoss, was seine streichelnde Hand entdeckte, spürte ich unter mir nur zu genau. Eine Gänsehaut, die nichts mit der zu tun hatte, die ich zuvor wegen Beale bekommen hatte, kroch über meinen Körper. Und hielt sich an jeder Stelle, an der mich seine Hand liebkoste.
Wir beide waren leichtsinnig, in dieser Situation an Sex zu denken. Aber was redete ich von Denken. Das fiel mir schwer, denn die Empfindungen, die mich gerade überkamen, ließen vernünftige Gedanken in einen undurchdringlichen Nebel aus Lust versinken. Immerhin wusste ich: Was mich erwartete, waren hemmungslose Glücksgefühle.
Seine Hand strich über meine Taille die Hüfte entlang und das Bein hinunter, dann stockte sie. Enttäuscht spürte ich, wie sich sein Mund von meinen Lippen löste. Lachte Finn mich aus?
Ich bog mich zurück, um ihm ins Gesicht sehen zu können und erkannte, dass seine Augen vor Vergnügen funkelten. Bevor ich mich darüber empören konnte, sagte er mit einem Glucksen in der Stimme: »Sollte ich Angst bekommen, Lana?«
Da fiel mir ein, dass er wohl soeben mein kleines Messer am Unterschenkel entdeckt hatte. Ich grinste und erwiderte lockend:
»Als Polizistin muss ich testen, ob der Mann, auf den ich mich einlasse, mutig ist.«
»Hab ich den Test bestanden, Detective?«
»Bis jetzt noch nicht, denn …« Hier fuhr er fort, mich zu küssen, sei es, um seinen Mut zu beweisen oder aus Verlangen. Und ich verschwendete keinen weiteren Gedanken an solchen Unsinn, sondern gab mich seinen Zärtlichkeiten hin.
Gut, ich war nicht auf der Suche nach einem Partner. Aber das hieß ja nicht, dass ich Schönes abblocken musste, wenn es mir über den Weg lief oder diesen ein zweites Mal kreuzte. Ich war erstaunt, wie großartig ich mir meine Gewissensbisse und Vorbehalte selbst ausreden konnte.
»Das Timing ist schlecht, weil die Hütte besetzt ist. Hast du eine Idee, Lana?«, murmelte er an meiner Halskuhle, wobei mir der Atem wegblieb. An dieser Stelle berührt zu werden, ließ mich unglaublich schnell schwächer werden. Doch er hatte recht.
»Wir könnten einen Waldspaziergang machen …«, schlug ich vor. Er stellte mich lässig auf die Beine, erhob sich und schloss mich wieder in die Arme. Was gut war, da ich dank der weichen Knie keinen festen Stand hatte.
Würden wir wirklich in den Wald gehen, um heißen Sex in einer eisigen Nacht zu haben? Ich hatte keine Einwände, und dachte keine Sekunde an ungelenke Bewegungen, um aus diesen Winterklamotten zu kommen, und eisige Luft auf nackter Haut. Offensichtlich war es nicht nur bei Männern so, dass sich im Zustand extremer Erregung das Blut aus dem Kopf verflüchtigte. Ich presste mich an Finn, um ihn erneut zu küssen, denn ich wollte mich noch nicht von ihm lösen. Auch nicht, um vielleicht gleich größere Wonnen zu empfinden.
Da fiel ein Schuss.
Mein Herz erstarrte im selben Augenblick zu Eis. Ich schob Finn von mir, der mich widerstrebend losließ. Bebend und schwer atmend standen wir da und lauschten.
Ein zweiter Schuss, der sich wie der erste an Felsen brach.
»Er ist mindestens zwei Täler entfernt«, war Finns Meinung.
Ich nickte, doch meine Laune war auf dem Tiefpunkt.
»Ja, das glaube ich auch. Nun wissen wir, dass er nicht schläft.«
»Er jagt, dann wird er Feuer machen und etwas essen.«
Finn hatte vermutlich recht. Was aber, wenn der Kerl so irr war, dass er rohes Fleisch vertilgte, um nicht mit einem Feuer die Verfolger anzulocken? Beale war das ohne Weiteres zuzutrauen.
 Ich zuckte zusammen, weil ich an der Hütte eine Bewegung sah. Ein bleiches Gesicht klebte an der Scheibe: Laurel!
Hatte sie den Schuss gehört und war aufgewacht? Oder beobachtete sie uns bereits länger?
»Laurel ist am Fenster, Finn«, raunte ich ihm zu. Er seufzte.
»Das war es wohl mit unserem Waldspaziergang, oder?«
Ich lächelte beinahe erleichtert.
»Für den Moment ja, fürchte ich. Das ist wahrscheinlich überhaupt besser, nachdem ich nicht auf der Suche nach einer Beziehung bin.«
»Zweimal heißer Sex ist bei dir eine Beziehung?«, fragte er grinsend. »Macht nichts, wenn du es bist, stürze ich mich gerne in eine Beziehung. Falls das jetzt pro Jahr einmal Sex bedeutet, wäre es allerdings schade, denn täglich wäre mir lieber.«
»Finn, das erste Mal war ein Ausrutscher. Das wird nicht noch mal passieren!«, fauchte ich ihn an. Sein Blick wirkte gelangweilt, aber seine Antwort passte nicht dazu.
»Dafür, dass du das angeblich nicht willst, reagierst du wunderbar direkt. Du hast mir das schon einmal weisgemacht, aber ich weiß nicht, ob ich dir dieses Desinteresse erneut glauben kann. Ich gebe nicht so schnell auf, Detective. Das sollte neben Mut doch auch eine wichtige Charaktereigenschaft für einen Test sein, nicht wahr?«
Unsicher sah ich ihn an. Er neigte sich zu mir und küsste mich ganz sanft. Laurel würde mich hassen!
Seine Stimme war ein einziges erotisches Raunen.
»Mach dir keine Sorgen, Lana. Nicht meinetwegen. Wie es kommt, so kommt es. Karma und Schicksal spielen ihr eigenes Spiel. Jetzt lass uns hineingehen und versuchen, etwas zu schlafen, damit wir morgen früh aufbrechen können.«


Ich tat in dieser Nacht lange kein Auge zu. Bei jedem Geräusch vor der Hütte fuhr ich zusammen. Meine Hand lag auf meinem Revolver.
Nach Sonnenaufgang musste ich doch noch eingenickt sein, denn ich schrak aus dem Schlaf, weil ich die Hüttentür hörte. Laurel stand da, auf dem Weg zur Toilette vermutlich.
»Laurel, warte!«, bat ich leise und schwang mich mühsam aus der Hängematte. O Gott, ich fühlte mich wie gerädert.
»Was ist? Ich gehe nur ums Eck.«
Ihre Stimme klang hochmütig, aber ich erwiderte, ohne darauf einzugehen: »Du gehst nicht alleine raus, Laurel.«
Finn kam gerade herein, und Laurel sagte rasch:
»Er war auch alleine draußen!«
Finn presste die Lippen zusammen und sah zu Recht nach schlechtem Gewissen aus. Zögernd bekannte er: »Ich wollte dich nicht wecken, du warst die ganze Nacht wach, Lana.«
»Wenn Beale dich erwischt hätte, wäre das umsonst gewesen, Finn. Keiner geht mehr ohne mich irgendwohin. Macht mir das Leben nicht schwer, indem ihr eures riskiert.«
»Was ist denn los?«, fragte das Mädchen nun deutlich blasser im Gesicht als zuvor.
»Erzähle ich euch beim Frühstück. Jetzt komm, wir haben es eilig!«
Während ich auf Laurel, dann ihre Mutter, Vater und Bruder wartete, beobachtete ich den Wald Richtung Süden. Es kam mir vor, als hätten die Bäume Augen. Verdammt! In der Academy hatte man uns immer gesagt, man solle auf seinen Instinkt hören. Raine hatte mir das Gleiche erklärt. Und mein Instinkt schrie lauthals Alarm. Wir mussten so schnell wie möglich weg von hier.
Toby kaute in Windeseile, als ich der Familie die Situation erklärt hatte, wohingegen die Frauen nur wenige Bissen hinunterbekamen.
»Ich bin mir sicher, die Hektik ist übertrieben«, war Dwight Carsons großspurig verkündete Meinung, der in Ruhe sein Brot verspeiste.
 Ich ignorierte ihn. »Packen Sie Ihre Sachen zusammen. Wir fahren in fünf Minuten ab.«
Dann rauschte ich nach draußen und begann nach einem gewissenhaften Blick in die Umgebung, die Boote zu beladen, mit allem, was mir Finn, Toby und Laurel brachten.
»Lass den Wald nicht aus den Augen, Finn!«, befahl ich ihm. »Ich habe Befehl, dass ich mich bei unserer Abfahrt noch mal melden muss.«
»Mach ich. Bitte zieht die Schutzwesten und die Helme auf und setzt euch in die Boote. Wir starten, sobald Lana da ist.«
Ich hörte Gemaule, dass Helme doch auf dem See gänzlich unnötig wären, und überließ Finn seinen nervigen Schützlingen. Rasch begab ich mich ans Funkgerät und hatte Costas, der so müde klang, wie ich mich fühlte, schon nach dem ersten Versuch dran.
»Gibt es was Neues, Costas? Over.«
»Nichts Neues, Lana. Sorry, er scheint sich wieder einmal in Luft aufgelöst zu haben. Over.«
»Das glaube ich nicht. Wir haben heute Nacht Schüsse gehört. Etwa zwei Täler entfernt im Süden, das ist Finns und meine Einschätzung. Du weißt ja, wie schwer so etwas zu orten ist, wenn das Echo hallt. Gib das bitte an die Kollegen weiter. Over.«
Nun war mein Partner hellwach.
»Verdammt, dann ist er euch näher als gedacht, falls er es war. Over.«
»Ja, das sehe ich auch so. Ich versuche, die Carsons zur Abholung zu überreden, ich rechne mir aber kaum Chancen aus. Vor allem der Vater ist leider der beratungsresistente Typ. Sollte ich Erfolg haben, melde ich mich nochmals. Ansonsten brechen wir jetzt sofort auf und starten über den See. Over and out.«
Nach einem kräftigen Fluch aus dem Mund meines Partners, beendete er den Funkkontakt mit: »Viel Glück und beeilt euch. Over and out.«

Die Morgensonne hatte es bisher nicht über die Berggipfel geschafft, sodass der See dunkel vor uns lag. Etwa acht Kilometer hatten wir zu bewältigen, wofür Finn und ich zwei Stunden bräuchten, ohne uns zu verausgaben. Mit den Carsons würden wir leicht die doppelte Zeit brauchen. War es überhaupt zu schaffen, noch am gleichen Tag weiterzugehen? Solange kein Schnee fiel und die Temperaturen nachts nicht unter fünf Grad fielen, konnten wir uns in den Schlafsäcken kurz ausruhen und dann weiterziehen. Jedoch befürchtete ich stark, dass es zu einer Meuterei käme, sobald ich diese Pläne preisgab.
Egal, ich musste versuchen, ihnen die Gefahr klar zu machen. Die harmlose Trekkingtour war zu Ende. Ab sofort ging es möglicherweise um unser Leben.
Vielleicht konnte ich Carson doch noch zum Abbruch überreden. Das wäre die klügste Variante.
Was soll ich sagen: Ich redete mir den Mund fünf Minuten umsonst fusselig. Die Carsons hockten gemütlich in ihren Kajaks und betrachteten die Landschaft, Laurel natürlich stattdessen nur Finn. Erst als ich begann, Beales Verbrechen anschaulich zu schildern, wurde Virginia blass, woraufhin mir ihr Mann Redeverbot erteilte. Finn versuchte ebenfalls, ihnen die Gefahr klarzumachen und bot eine Wiederholung der Tour ohne Zusatzkosten an, sobald Beale gefasst wäre. Davon wollte Carson nichts wissen. Die Frauen zog es zwar nicht auf den See, Laurel jedoch wollte die Gelegenheit, Finn anzuschmachten, nicht so schnell aufgeben. Welche Unvernunft. Aber so ist es eben, wenn Actionfilme und -spiele mit Helden einem stets die sichere Rettung vorgaukeln. Leider war ich weder der grüne Hulk noch Catwoman.
Immerhin erlaubten sie mir, rasch in See zu stechen.

Die Schatten der Berge machten es unmöglich, etwas im See zu erkennen. Weder Pflanzen noch Fische schienen im schwarzen Wasser zu leben. Der Wald zu unserer linken Seite wirkte undurchdringlich und gefährlich, und jedes Mal, wenn etwas knackste, fuhr Virginia zusammen und Laurel quiekte. Wir paddelten meist leicht versetzt nebeneinander, und gelegentlich erzählten entweder Finn oder ich Wissenswertes über die Gegend, die tektonischen Besonderheiten oder Erlebnisse anderer Wanderer. So vergingen die ersten beiden Stunden recht rasch und angenehm und als ich zurücksah, erkannte ich, dass wir bereits die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatten. Dennoch würden wir nicht vor Mittag am anderen Ufer ankommen.
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, begann Laurel zu jammern.
»Ich muss mal ans Ufer, Finn.«
Er warf mir einen fragenden Blick zu, und ich hob die Schultern.
»Ich nehme an, es ist dringend und kann nicht mehr bis zu unserem Ziel warten, Laurel?«, fragte ich ruhig.
Sie sah mich entsetzt an. »Nein, ich muss mal. Das halte ich keine zwei Stunden mehr aus.«
»Wenn wir schon anhalten, würde ich vorschlagen, dass wir alle diesem Bedürfnis nachgehen. Egal wie wenig dringend es bei dem einen oder anderen ist. Je seltener wir anlegen müssen, desto sicherer ist es für uns.«
Der abwertende Schnauber von Carson Senior zeigte mir, dass er nach wie vor keine Gefahr erkennen konnte.
Wie verdiente dieser Mann gleich wieder sein Geld? Durfte man in dieser Position tatsächlich so dumm sein? War ein Mindestmaß an Intelligenz keine Voraussetzung für einen Führungsposten? Ich sparte mir eine Antwort.
Carson wies auf das rechte Ufer und die Moorwiesen.
»Da wären eine nette Bucht und ein paar hohe Büsche. Ich schlage vor, wir legen dort an!«
»Das können Sie gerne machen, Mr. Carson. Ich muss allerdings darauf hinweisen, dass das Moorwiesen sind. Das bedeutet, dass Sie mindestens knietief in den Boden einsinken werden.«
»Unsinn! Sehen Sie die Rehe? Die stehen doch auch ganz normal da.«
In diesem Moment flog ein Steinadler über die Gruppe Rehe, neben der ein Moorhuhn panisch hochflatterte. Die Rehe schossen nach allen Seiten davon, und wir konnten deutlich erkennen, dass die Wassertropfen spritzten. Ich verkniff mir ein spöttisches Grinsen und Mr. Carson einen weiteren Wunsch nach seiner Bucht.
Ich übernahm die Spitze der Gruppe und bat Finn: »Warte noch ein wenig, ich sehe mich erst um!«
Er nickte, und sein Gesicht nahm einen besorgten Ausdruck an.
Toby und ich beschleunigten und glitten rasch auf den dichten Wald zu, der nun freundlicher und grüner schien, da die ersten Sonnenstrahlen die Baumspitzen erhellten.
 Wir drehten das Boot längsseits und ich kletterte ans Ufer. Wurzelschlingen auf weichem Nadelboden, dazwischen niedrige Blaubeersträucher, allerlei Gestrüpp und wohlduftende Fichten und Kiefern warteten auf mich.
»Toby, halte dein Paddel in der Hand bereit. Wenn ich etwas Bedenkliches sehe, müssen wir schnell weg.«
»Okay.« Sein junges Gesicht wirkte angespannt. Er schien realistischer veranlagt zu sein als sein Dad.
Ich stand einen Moment reglos und lauschte. Hinter mir auf dem See hatten die beiden anderen Boote klugerweise das Paddeln eingestellt. Ich vernahm nur Vogelgezwitscher, was ein gutes Zeichen war. Vorsichtig trat ich unter die Bäume und zog außerhalb Tobys Sichtweite meinen Revolver. Man konnte nie wissen!
Es knackste ein Stück weiter im Wald, aber das Gezwitscher blieb fröhlich. Bald traf ich auf den Waldpfad, auf dem Wanderer den Beaver Lake umrunden konnten. Dort waren keine frischen Spuren zu entdecken. Die ganze Umgebung wirkte, als habe es schon einige Male geregnet, seit der letzte menschliche Fuß den Boden berührt hatte. Ich ging den engeren Umkreis unseres Anlegeplatzes ab, um sicherzugehen. Bevor ich zum Ufer zurückkehrte, erledigte ich das Notwendige hinter einem Busch. Dann winkte ich den anderen, die nach wenigen Minuten anlegten und ausstiegen.
»Bleiben Sie in der Nähe und kommen Sie bitte sofort zurück, wenn Sie fertig sind.«
Alle verschwanden hinter den Büschen und Bäumen der Umgebung. Finn war schnell wieder bei mir und übernahm die Wache bei den Kajaks, während ich meine Aufmerksamkeit auf den Wald richtete. Wir standen nebeneinander auf dem weichen Uferstreifen.
»Du bist nervös, Lana. Hörst du etwas?«
Seine Hand legte sich auf meine, und ich wandte den Blick vom Wald zu ihm. Seine Miene war ernst.
»Glaubst du mir wenigstens, dass die Gefahr reell ist?«, fragte ich in bitterem Ton.
»Absolut. Trotzdem solltest du wissen, dass ich volles Vertrauen in dich habe.«
Ich seufzte. »Das ist nett, aber ich habe nicht viel dagegenzusetzen, wenn jemand, der so einfallsreich ist wie Beale, an uns herankommen will. Vor allem wird mir die Chance euch zu schützen erschwert, weil jeder macht, was er will.«
»Treib es ihnen aus, Lana! Du hast doch Raines Erlaubnis, Carson in den Arsch zu treten. Und erzähl mir nicht, dass es dich nicht juckt, genau das zu tun.«
Das Grinsen fiel mir schwer. Natürlich juckte mich diese Idee. Trotzdem war mir als Einziger hier bewusst, dass Beale kein einfacher Mörder war.
»Ich bin an deiner Seite, Lana. Vergiss das nicht. Du trägst die Verantwortung nicht allein.«
Ein Schatten fiel kurz über sein Gesicht. Oder war es der über uns kreisende Adler gewesen? Finns Hand zog mich an seinen Körper, und einen Moment vergaß ich, wo wir uns befanden. Ich gab seinem drängenden Kuss nach, der keineswegs tröstlich wirkte, sondern dort weitermachte, wo wir in der Nacht aufgehört hatten.
Als ich ein lauteres Knacksen hörte, zuckte ich zusammen und löste mich von ihm. Seine Augen funkelten so lebendig, wie ich es schon einmal vor einem Jahr gesehen hatte. Meinte er das ernst mit uns? Oder hatte ich Finns Jagdtrieb geweckt?

Als ich aus der Richtung des Knacksens die Stimme von Dwight Carson hörte, atmete ich zunächst erleichtert auf. Natürlich war meine Bitte wie ein rotes Tuch für einen Stier gewesen, woraufhin dieser Idiot selbstverständlich das Gegenteil tun musste. Der Mann benahm sich darüber hinaus wie ein Elefant im Porzellanladen. Er besaß keinerlei Gespür dafür, dass man in der freien Natur nicht rumbrüllen musste und sollte.
»Seht mal hier, Laurel, Toby! Hier der Haufen Scheiße, da war was Größeres unterwegs.«
Ich zuckte zusammen. Wohin gingen die drei? Es klang weiter entfernt als eben. Und ich wusste nur zu gut, dass in diesen Wäldern tatsächlich auch Größeres unterwegs war.
Rasch sagte ich zu Finn: »Ich hol sie. Bleib da.«
In diesem Moment trat Virginia zu uns, und ich bat sie bei Finn zu warten. Ich joggte in die Richtung, aus der ich immer noch die Stimme des Vaters hörte. Nun fiel mir etwas anderes auf: Das Vogelgezwitscher war verstummt. Und im nächsten Augenblick verstand ich den Grund.
Ein dunkles Brummen ertönte, gefolgt von einem schrillen Schrei Laurels. Verdammt, der Mann hatte einen Schwarzbären aufgestöbert. Im Allgemeinen mieden die Bären den Menschen, außer man verführte sie mit Wohlgerüchen wie den Resten eines Picknicks. Wenn man auf einen Bären traf, gab es Ratschläge zum Verhalten: Ruhig bleiben, nicht schreien, nicht rennen. Langsam entfernen oder stehen bleiben.
Die drei Carsons taten natürlich nichts von alledem.
Sie brachen wie flüchtende Rehe unter den Bäumen hervor, rennend und schreiend. Direkt auf mich zu.
Und im Hintergrund sah ich zwischen den Bäumen die dunklen Umrisse von Meister Petz auftauchen. Stehenbleiben und ruhighalten war nun sinnlos.
»Weiterlaufen! Und hört auf zu schreien!«, befahl ich ihnen, was sie tatsächlich befolgten. Die Kajaks waren bereits in Sichtweite, als Laurel stolperte und mit einem Schrei zu Boden stürzte. Die Männer bremsten ab, aber ich ließ es nicht zu.
»Schaut, dass ihr in die Kajaks kommt und ablegt. Bären können schwimmen.«
Ich riss Laurel auf die Füße und zog das wimmernde Mädchen mit, indem ich ihren Arm über meine Schultern legte.
Finn hatte die Gefahr erkannt und sich kluge Gedanken gemacht.
Er befahl Toby, sich in meinem Kajak zum Paddeln bereitzuhalten.
»Lana und Laurel müssen schnell einsteigen, und wir beiden legen in der Sekunde los, in der sie halb im Boot sind. Dann geht es so weit wie möglich in den See hinaus. Mr. und Mrs. Carson, Sie müssen nicht warten – vorwärts!«
Virginias weißes Gesicht zeigte, dass sie am liebsten auf ihre Kinder gewartet hätte, aber sie befolgte Finns Befehl. Ihr Mann wirkte verbissen, doch auch er tat das Angeordnete.
Ich schob das Mädchen vor Finn ins Boot. Dabei ignorierte ich Laurels Wimmern, denn selbst wenn es wehtat, war ihr Fuß jetzt nebensächlich. Kräftig gab ich dem Kajak einen Stoß. Dann sprang ich eilig auf meinen Platz hinter Toby, der sofort das Paddel ins Wasser stieß und Tempo aufnahm. Ein kluger Junge!
Hinter uns brach der Bär mit lautem Gebrumme aus dem Wald. Als ich einen Blick zurück wagte, während meine Armmuskeln wegen des hohen Tempos brannten, sah ich, dass er sich kurz aufrichtete. Nach einem ohrenbetäubenden Wutbrüller fiel er wieder auf alle Viere und verschwand im Wald.
Schweratmend trafen wir uns in der Mitte des Sees. Mr. Carson wirkte jetzt beinahe amüsiert, wohingegen seine Frau von der Anstrengung keuchte.
»Na, und ich dachte immer, dass Bären schneller rennen als Menschen. Alles eine Mär?«
Finn erwiderte gepresst: »Der Bär war ein wenig ungehalten über die Störung, aber nicht wütend. Sollten Sie mal eine Bärenmutter treffen, dann sehen Sie, wie schnell sie werden können.«
Carson winkte lässig ab, und ich spürte, wie Zorn in mir hochstieg. Finn sah es mir an und sagte warnend: »Lana!«
»Was?«, schnappte ich. »Darf nur Mr. Neunmalklug etwas sagen?«
Über das Gesicht des Vaters huschte ein ungläubiger Ausdruck.
»Reden Sie von mir? Was erlauben Sie sich, Detective?«
Es machte Pling, als ich meinen Geduldsfaden reißen hörte, der in den letzten Tagen wirklich ungewöhnlich gut gehalten hatte.
»Wollen Sie mich verarschen, Sir?«, fuhr ich ihn an, wobei ich das Sir betonte.
»Seit Sie auf dieser Tour dabei sind, machen Sie nur Unsinn, der andere in Gefahr bringt. Damit ist ab sofort Schluss! Sie werden sich jetzt an die Regeln halten, sonst erleben Sie Polizeigewalt. Wie kann man so dumm sein, einen Bären zu reizen?
Habe ich gesagt, Sie sollen spazieren gehen? Oder vielleicht eher, dass wir so kurz wie möglich an Land gehen und uns nicht weit entfernen? Was machen Sie? Sie stolzieren durch die Gegend, weil Sie aus kindischem Trotz immer das Gegenteil von dem tun möchten, was ich aus gutem Grund anordne! Und als Sie einen Haufen Scheiße finden, der nicht von einem Eichhörnchen stammt, machen Sie keineswegs eine vernünftige Kehrtwendung, sondern locken mit Ihrem angeberischen Geplärre alles an, was Gefahr bedeutet.
Sie können heute auch noch auf Pumasuche im Gebirge gehen, wenn Ihnen langweilig ist. Aber das machen Sie gefälligst allein, weil Sie in dem Moment nicht mehr Bestandteil unserer Gruppe sein werden! Ich lasse nicht zu, dass Sie ein weiteres Mal jemanden in Gefahr bringen, haben wir uns verstanden?«
Carson wuchs in dem Kajak und wollte wohl gerade das Brüllen anfangen, doch ich gab ihm keine Chance.
»Ein einfaches, klares Ja genügt, oder Sie steigen drüben in den Moorwiesen aus und waten nach Hause.«
Er schluckte schwer. Seine Frau legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter, die er unwillig abschüttelte. Mein wütender Blick ließ ihn nicht los, und so brummte er: »Ja.«
Ich würdigte ihn keines weiteren Wortes, sondern begann in Richtung Ziel zu paddeln. Hinter mir herrschte betroffenes Schweigen.
Wir glitten nun schneller dahin. Ich gab das Tempo an, Toby hielt ebenso mit wie auch Finn, obwohl der mit der immer noch wimmernden Laurel keine Hilfe hatte. Ob Mr. Carson mitkam, war mir völlig gleich. Aber ich konnte hören, dass das dritte Kajak nicht weit zurücklag. Kraft hatte er, das gestand ich ihm zu.
Ab und zu warf ich einen Blick zum Wald hinüber, der jetzt in der Mittagssonne lag und beinahe märchenhaft verträumt schien. Ich stutzte: Hatte sich dort ein Schatten bewegt? Mit zusammengekniffenen Augen ließ ich die Stelle nicht aus den Augen.
»Lass uns einen Moment ausruhen, Toby«, sagte ich leise, und der Junge ließ das Paddel sinken.
»Puh, ist mir sehr recht. Wir hatten ein ganz schönes Tempo drauf. Sind Sie immer so schnell unterwegs, wenn Sie keiner bremst?«
Ich lachte. »Nur wenn ich stinksauer bin.«
Nach wenigen Schlägen hatte Finns Boot uns eingeholt. Ich sah mir Laurel an. Sie hatte wohl geweint, nun traf mich wieder ein zorniger Blick. Zu sagen wagte sie nichts nach meiner Ansage von vorhin.
»Was ist mit deinem Fuß, Laurel?«
»Tut weh!«, brummte sie.
»Ist er geschwollen?«, fragte ich ruhig, und sie hob ihn hoch – im Schuh.
»Kannst du so sehen, ober er geschwollen ist?« Mein spöttischer Tonfall ließ sie erröten, aber sie tastete den Knöchel ab, um daraufhin das Gesicht zu verziehen.
»Ja, er ist dick.«
»Wenn ich dir einen Rat geben darf: Nimm dein Halstuch ab, mach es nass und kühl den Knöchel. Dann kannst du nachher besser gehen.«
»Wohin gehen?«, fragte sie entsetzt. Nun waren auch ihre Eltern neben uns angekommen, und Virginia beugte sich besorgt zu ihrer Tochter. Da das Kajak zu schaukeln begann, ließ sie das rasch wieder bleiben.
»Die Hütte liegt nicht weit vom See entfernt etwas unterhalb des Geröllfeldes. Siehst du den Felsen über dem See? Dahinter müssen wir in jedem Fall heute noch. Wenn nicht sogar gleich weiter wegen der Gefahr durch den Flüchtigen.«
»Ich kann heute nicht mehr weit laufen, Finn.«
Na klar, mir konnte man das ja nicht sagen, weil ich ständig kleine Mädchen fresse. Trotzdem war ich es, die ihr antwortete.
»Und keiner von uns kann dich lange tragen, also kühl den Fuß, solange wir in den Booten sitzen.«
Auf weitere Diskussion ließ ich mich nicht ein. Stattdessen behielt ich den Wald im Auge. Eine böse Vorahnung ließ mir einen Schauer über den Rücken rieseln. Schatten, sich bewegende Äste, Rascheln und der Schrei eines Fuchses waren alles Dinge, die zu einem Wald gehörten, dennoch spürte ich, dass da etwas anderes war. Unheilvoll und unnatürlich!
»Lana?«, vernahm ich Finns fragende Stimme, der sein Boot neben mich gezogen hatte.
»Ich weiß nicht … Ich hab ein blödes Gefühl«, murmelte ich so leise, dass nur er mich hörte. Tobys Aufmerksamkeit war auf seine Schwester gerichtet, die sich mit ihrem Halstuch abmühte, den Knöchel einzuwickeln.
»Sie wird nicht weitergehen können«, fasste Finn meine Gedanken in Worte. Ich nickte.
»Wir werden dort übernachten müssen, Finn. Verdammter Mist! Ich kann beinahe spüren, dass er aufholt. Halte deine Augen offen.«

Wir fuhren die restliche Strecke nicht mehr so hastig, da wir heute sowieso nicht weiter kämen als bis zu der Hütte.
Im Wald ließ sich nichts Ungewöhnliches entdecken, aber jemand, der unsichtbar bleiben wollte, musste sich nur zwei Baumreihen hinter dem Ufer halten.
»Wenn dieser Mann kommt, Lana …?«
Toby war verunsichert, und ich bemühte mich, ihn zu beruhigen.
»Ich halte Wache, und wir werden uns zu wehren wissen.«
»Dad hat seine Waffe daheim gelassen. Obwohl er sie sonst immer mitnimmt.«
Carson mit einer Waffe, das ginge mir noch ab. Vermutlich würde er mit Begeisterungsschreien auf Rehe schießen, während uns Beale hinterrücks die Kehlen durchschnitt.
»Hm, Finn kann ebenfalls mit einer Waffe umgehen.«
Dass Finn Waffen mied, so gut er konnte, erwähnte ich ebenso wenig wie sein mangelhaftes Schießtalent.
»Dad ist gut beim Schießen«, nun klang der Sohnemann tatsächlich begeistert.
»Hat er einen Waffenschein?«
»Ja, klar! Er übt auch viel.«
»Ich behalte es im Hinterkopf, Toby. Es ist gut zu wissen, aber vorrangig bin ich nicht der Meinung, dass Privatleute in der Gegend rumballern sollten.«
»Unser Präsident sagt, dass jedem Mann eine Waffe zusteht, um seine Familie und sein Heim zu verteidigen!«, war seine Antwort. Wer ihm das wohl vorgebetet hatte?
Ich seufzte. Wie sehr mir diese Diskussion zum Hals raushing!
»Mal abgesehen davon, dass dieser Präsident nicht von mir gewählt wurde und ich froh bin, wenn seine Amtsperiode schnell vorübergeht, gibt es genug schreckliche Vorkommnisse, bei denen Unschuldige durch die Waffe eines Laien umgekommen sind. Es sterben mehr Menschen in den USA durch Fehleinschätzungen und Versehen als durch Verbrechen.«
Er drehte sich zu mir um und starrte mich fassungslos an. »Echt jetzt?«
Ich nickte. »30.000 Tote pro Jahr, das sind in zwei Jahren so viele, wie damals der Vietnamkrieg gefordert hat.«
»Warum dürfen dann alle Waffen haben?«
Ich seufzte wieder.
»Obama hat versucht, das zu ändern, nachdem es mehrere Massaker an Schulen und in einem Kino gegeben hatte. Er wollte wenigstens stärkere Kontrollen, keine Waffen für psychisch Kranke und eine reduzierte Patronenanzahl in den Magazinen. Mit Sturmgewehren kann man eben sehr schnell eine große Anzahl an Menschen töten. Aber gegen ihn standen die Waffenlobby und die National Rifle Association. Die berufen sich auf das verfassungsmäßig festgeschriebene Gesetz, das jedem Bürger der USA erlaubt, eine Waffe zu tragen. Immerhin haben viele Staaten festgelegt, dass Waffenbesitz gemeldet werden muss. In jedem zweiten Haushalt gibt es eine Waffe. Und jetzt überleg mal, in wie vielen Haushalten ein Trottel lebt oder ein Typ mit Selbstbewusstseinsproblemen, ganz zu schweigen von denen, die gerne Rambo und Co. anschauen und beim exzessiven Videospielen den Bezug zur Realität verloren haben? Kein gutes Gefühl, finde ich.
Und was macht unser aktueller Präsident, der sowieso nicht allzuviel Vernunft von Gott mitgegeben bekommen hat? Er schafft die neuen, angemesseneren Gesetze gleich wieder ab. Ist ja klar, er will seine vielen superreichen Freunde, die an den Waffenverkäufen verdienen, nicht vor den Kopf stoßen. Sie sollen ihn ja bei der nächsten Wahl wieder mit viel Geld unterstützen.«
Toby schwieg, und ich konnte es ihm ansehen, dass es in seinem klugen Köpfchen ratterte. Wir verloren an Tempo, weil wir beide das Paddeln eingestellt hatten, um uns besser unterhalten zu können. Finn und Laurel zogen an uns vorbei – vielmehr nur Finn, da das Prinzesschen den Fuß nach oben streckte und das Paddel lässig quer über das Boot gelegt hatte. Die Eltern Carson waren ein Stück weit hinter uns.
Tobys Augen fixierten mich immer noch.
»Und was sagen Sie zum legalen Cannabis-Konsum, Lana?«
Ich grinste, das klang nach einem Schulreferatsthema.
»Habt ihr in der Schule darüber gesprochen?«, fragte ich, und er nickte.
»Ich persönlich finde es für ärztliche Medikation sinnvoll, sprich, wenn es für Krebskranke im Endstadium zur Schmerzvermeidung und Stimmungsaufhellung verwendet wird. Legaler Konsum wäre kein Problem, hätten die Leute sich im Griff. Doch viele sind einfach süchtig danach und rauchen, was das Zeug hält. Klar, sie sind dann cool und lässig drauf, aber eben leider auch völlig neben der Spur, was Reaktionsvermögen und vernünftige Gedanken angeht. Sie gehören keinesfalls an das Steuer eines Wagens oder in den Besitz einer Waffe.«
»Mein Lehrer sieht das genauso«, meinte Toby nachdenklich. »Er hatte nach dem Thema Besuch von einigen Eltern, die sich bei ihm über seine altmodische Einstellung beschwert haben.«
»Ja, und wenn das erste Elternpaar ihr Kind bei einem Verkehrsunfall mit Todesfolge verloren hat, weil es im zugekifften Zustand den Abstand zum nächsten Baum überschätzt hat, ist das Gejammer groß. Aber was soll’s? Wir beiden werden es nicht ändern können, mein Freund.«
Er sah mich beinahe wütend an, denn er glaubte mir meine laxe Aussage.
»Immerhin können wir versuchen, andere zu überzeugen, oder nicht?«
Ich nickte, ein bisschen stolz auf ihn, weil er es begriffen hatte, obwohl er in meine Falle getappt war.
»Ja, da hast du recht, Toby. Jeder, der vernünftige Meinungen hat, sollte sie in die Welt hinausschreien. Die Unvernünftigen machen auch nichts anderes und müssen daher übertönt werden. Dringend!«
Toby drehte sich zufrieden um, und wir nahmen wieder Fahrt auf. Bald hatten wir Finn eingeholt und glitten nun nebeneinander her.
Ich fragte Finn: »Ist dir etwas aufgefallen?« und nickte zum Waldufer. Er schüttelte den Kopf. »Nichts!«
»Ich würde gerne ein bisschen vorausfahren und weiter vorne aussteigen und nach Spuren schauen.«
Finn grinste. »Du wärst schon dort, wenn ihr nicht mit dem Paddeln aufgehört hättet.«
Ich lachte und Toby drehte sich um. Laurels neugieriger Blick ruhte auf ihrem Bruder und mir.
»Manche Gespräche sind es wert, Zeit zu verlieren, nicht wahr, Toby?«
Der Junge salutierte recht geübt, passend zu unseren Waffengesetzgesprächen. Vermutlich spielten Vater und Sohn daheim gerne GI im Keller oder Garten.
»Dann mal los. Du setzt mich bitte kurz vor dem Waldrand ab, junger Mann, und folgst ab da Finn. Okay?«
Toby nickte, und wir paddelten Richtung Ufer. Dort ließ er mich aussteigen, wendete das Boot und glitt zur Seemitte zurück.

Der Wald war still – zu still, als ich ihn betrat. Dabei wirkte er so harmlos. Die Sonne schien zwischen den hohen Ästen gelegentlich bis auf den weichen Moosboden durch. Pilze standen malerisch an knorrigen Stämmen. Eine Amsel begann über mir zu singen, doch dies war der einzige Laut, den ich vernahm.
Bald traf ich auf den Wanderpfad, der auch hier keinerlei frische Spuren aufwies. Aber würde ich an Beales Stelle tatsächlich einen regulären Touristenpfad entlangtrotten? Nein, ich würde mir weiter vom Ufer entfernt einen Weg suchen. Vorsichtig bahnte ich mir eine Spur um niedriges Astwerk herum, um ein Knacksen zu vermeiden. Wieder wartete ich bewegungslos, um zu lauschen. Im Wald keckerte ein Eichhörnchen, sonst war es still. Dann hörte ich ein Rieseln kleinerer Steine vom Berg her. Ich versuchte, eine freie Sicht in Richtung Geröllfeld zu erhaschen, befand mich jedoch zu tief zwischen den Bäumen.
Mit einem Mal blieb mein Blick am Boden vor mir hängen, und mein Atem stockte. Langsam ging ich in die Hocke und verfolgte mit den Augen die deutlich sichtbare Spur, die von Südosten herankam und im Nordwesten auf die Berge zu verschwand. Wanderstiefel in Männergröße, das war klar. Was diesen Fund besonders verdächtig machte, war, dass der Wandersmann probiert hatte, die Spuren zu verwischen. Vermutlich hatte er einen Zweig hinter sich hergezogen, denn ab und zu entdeckte ich leichte Schleifspuren. Gelegentlich fand ich Blätterhaufen, die er mit dem Fuß auf die Spur gezogen oder geschoben hatte. Ein anderes Mal hatte er einen Haufen Reisig verteilt. Wäre ich auf eine dieser Stellen getroffen, hätte ich seine Abdrücke nicht bemerkt. Ich blickte auf die Strecke, die noch vor mir lag, bis ich den schützenden Wald verlassen musste.
Die anderen warteten sicher mit den Booten schon am Ufer. Wenn sie nicht aufpassten, konnte Beale mit seiner Waffe ein Blutbad anrichten oder sie zum Aussteigen zwingen. Hatte er uns beobachtet? Dann wusste er mit tödlicher Sicherheit, dass ich ausgestiegen war. Mein Atem ging schneller.
Dennoch würde ich nicht unvorsichtig werden, denn das nützte niemandem. Ich bewegte mich zum Ufer, um einen Blick auf den See und meine Mitreisenden zu erhalten und zugleich einen aus den Bergen Herannahenden sofort erkennen zu können. Beale war vermutlich kein Scharfschütze, aber aus der Deckung eines Felsens auf gut sichtbare Personen am Ufer eines Sees zu ballern und sie zu treffen, dafür reichte auch ein bisschen Glück zu durchschnittlichen Schießkünsten.
Wieder rieselte Geröll den Hang herab, ohne dass man etwas oder jemanden sehen konnte, der es auslöste.
Ein weiteres Mal schlich ich in den Wald, um zu prüfen, ob die Spur bis zu dessen Grenze führte. Sie tat es, dann bog sie ab, den Waldrand entlang, vom Berg wegführend. Ich folgte ihr noch zehn Minuten, doch sie machte nicht mehr kehrt.
Ich dagegen begab mich auf den Rückweg. Als mich die anderen am Ufer erblickten, begannen sie auf mich zuzupaddeln. In Finns Augen sah ich eine unsichere Frage. Er las in mir wie in einem Buch, obwohl er mich nicht besonders gut kannte. Aber so ist das mit sensitiven Männern, denen kann frau nichts vorspielen. Auf den Gesichtern der Carsons stand Erleichterung.
»Lana, haben Sie etwas gefunden?«, fragte Virginia, und ich zögerte.
»Es gibt eine Spur, die nach dem Wald abbiegt.«
»Wie groß ist die Chance, dass er uns tatsächlich ein- oder sogar überholt hat?«, fragte Carson ruhig, und ich sah ihn erstaunt an. Hatte er doch ein Hirn und es jetzt aktiviert?
»Ich kann es nicht sicher sagen, Mr. Carson. Beale kennt sich in der Wildnis aus. Er kommt ohne viel Schlaf aus. Andererseits hat seine Kondition in den letzten Wochen in der Untersuchungshaft gelitten, und die Schüsse heute Nacht waren noch mindestens zwei Täler entfernt. Was man jedoch nicht vernachlässigen darf: Bei dem Mann geht es um Leben und Tod. Es ist gut möglich, dass er die Nacht durchgelaufen ist und uns überholt hat.«
»Was glauben Sie persönlich?«, hakte er nochmals nach, und ich antwortete ehrlich: »Ich hab ein verdammt mieses Gefühl. Die Spur war teilweise mit Absicht verwischt. Ich bin ihr eben nur zehn Minuten in die andere Richtung gefolgt. Ich traue ihm ohne Weiteres zu, dass er eine Stunde nach Norden rennt, und gleich darauf zurück, um uns zu täuschen. Solche Spielchen machen ihm Spaß.«
»Sie jagen uns Angst ein, damit wir weiterwandern, nicht wahr?«, warf nun erstaunlicherweise Virginia mir vor. Aber ich verstand ihren Beweggrund, als sie fortfuhr.
»Laurel ist verletzt. Sie kann heute nicht mehr weiter.«
Ich nickte ruhig.
»Das sehe ich auch so. Leider, denn es wäre besser durchzumarschieren. Wir sichern jetzt die Kajaks. Finn kann sie demnächst zur Ranch zurückbefördern. Dann machen wir uns auf den Weg zur Hütte.«
»Kann man uns nicht hier abholen?«, fragte Laurel mit bleichem Gesicht nach.
»Hierher gibt es keine Straße, Laurel. Finn muss die Kajaks wieder über den See bringen. Dort, wo wir heute Morgen waren, kann man sie abtransportieren, und hätte uns abholen können.«
»Warum haben wir uns nicht abholen lassen?«, fragte das Mädchen nun motzig.
»Das wäre auch Finns und mein Vorschlag gewesen.«
Mehr sagte ich nicht, aber Carsons Kopf wurde leicht rot. Das Mädchen begriff und schwieg peinlich berührt.
Wir hievten die Boote auf den Kies und schulterten unser Gepäck. Finn trug zusätzlich Laurels Rucksack und Mr. Carson hatte sich den Arm seiner Tochter um den Hals gelegt und half ihr vorwärts zu hüpfen. Nach einiger Zeit wurde er von Finn abgelöst. Toby hatte seine Mutter an der Hand, sobald es rutschiger wurde. Virginia neigte dazu, sich sofort auf den Hosenboden zu setzen, wenn sie keinen festen Boden unter den Füßen spürte. Das verzögerte das Vorwärtskommen auf diesem Pfad, der sich durch Gestrüpp und Geröll wand, gewaltig.
Ich ging mit ein paar Metern Abstand voraus und beobachtete immer wieder den Wald und die direkte Umgebung, soweit ich sie einsehen konnte. Doch obwohl sich kein Geröll löste, das nicht durch unsere Füße angestoßen worden war, trotzdem ich keine verdächtigen Schatten, Bewegungen und Spuren sah, wurde mein mieses Gefühl keinen Deut besser.
Endlich tauchte die Hütte vor mir auf. Ich zog meine Waffe und umkreiste sie zunächst vorsichtig. Die Läden der beiden Fenster waren zugeklappt und verriegelt, es gab keinerlei Hinweis darauf, dass sich hier jemand in der Nähe befand. Rasch testete ich die Tür, auch sie war verschlossen. Finn trug den Schlüssel bei sich.
Nun steckte ich meine Pistole wieder ein und nahm das Gewehr vom Rucksack ab. Ich entsicherte es und trat an den Felsen, der den Blick auf den See von der Hütte aus verbarg. Mühsam näherten sich meine Mitreisenden und gäben ein gutes Ziel ab, sollte es Beale darauf anlegen. Sorgsam überwachte ich ihren Aufstieg und das umliegende Gelände, die Waffe im Anschlag.
Endlich hatten sie das Plateau erreicht. So rot der Kopf von Virginia Carson war, so blass war das Gesicht ihrer Tochter. Laurel hatte offensichtlich Schmerzen. Ich würde mir den Knöchel in der Hütte genauer anschauen müssen.

Finn übergab Laurel wieder an ihren Vater und sperrte die Hüttentür auf. Ich hielt ihn zurück, als er hineingehen wollte und zog erneut meine Pistole. Damit war ich wendiger in engen Räumen. An den Türrahmen gepresst wagte ich einen vorsichtigen Blick ins Innere, ehe ich eintrat.
Diese Hütte war genauso dunkel und muffig wie die letzte, bevor sie geheizt wurde. Sollten wir heizen? Hetzte uns der Rauch möglicherweise Beale auf den Hals?
Oder war er schon weit genug in die andere Richtung unterwegs? Falls er uns auf dem Kieker hatte, dann war es gleichgültig, ob Rauch aus dem Schornstein dampfte oder nicht.
Ich trat ans Funkgerät, und mir wurde kalt. Jemand hatte darauf eingeschlagen. Die Drähte hingen heraus, die Tasten waren verbogen, das gesamte Gerät also unbrauchbar.
Beale war hier gewesen, vor uns! Er wusste, dass wir hierher kämen und behielt uns im Auge. Aus welchem Grund? Dazu fiel mir nur einer ein! Ich sprang zur Tür.
»Rein mit euch, sofort!«
Ich baute mich mit dem Gewehr im Anschlag neben dem Eingang auf, bis alle die Hütte betreten hatten. Dann schloss ich die Tür und verriegelte sie. Ebenso verfuhr ich mit dem Laden des einen Fensters zum Berg hin. Den zweiten, seezugewandten Laden ließ ich offen und stellte mich ans Fenster, um die Gegend im Auge zu behalten. Nun sah ich in die Runde und erblickte blasse Gesichter.
Finn sprach es aus: »Das Funkgerät war letzte Woche noch in Ordnung, Lana. Das war er, Beale, nicht wahr?«
Ich nickte ernst. »Alles andere hieße an Märchen glauben. Wie ist er hier hereingekommen, Finn? Du hattest den Schlüssel.«
Wir blickten uns an, und mir ging ein Licht auf.
»Der übliche Platz hinter dem Regenwasserfass?«, fragte ich und er nickte.
Ich seufzte. Natürlich war auch bei dieser Hütte ein Zweitschlüssel versteckt. Den Ort kannten versierte Wanderer, damit sie in einem Notfall, wie einer plötzlichen Wetterverschlechterung, Schutz suchen konnten. Diese Möglichkeit wurde niemals für Diebstähle oder Vandalismus missbraucht, daran hielt sich jeder zu seinem eigenen Vorteil. Bis auf Beale!
»Warum sollte er sich überhaupt mit uns aufhalten wollen? Vielleicht ist er schon wieder weitergezogen? Sie haben doch die Spur am Wald entdeckt, die woanders hinführte, Lana!«
Virginias Stimme flehte um eine milde Lüge, doch eine solche konnten wir uns nun nicht mehr leisten.
»Das wiederum hieße, auf Wunder zu hoffen. Tut mir leid, aber ich denke, wir sind in akuter Gefahr. Beale ist ein psychisch kranker Massenmörder. Ihm machen Spielchen Spaß, bei denen andere Todesangst empfinden.«
Finn schüttelte unwillig den Kopf.
»Zu brutal ausgedrückt, mein Freund?«, fragte ich sanft. Er sah mich aus diesen harmlosen Augen an.
»Du musst ihnen nicht noch mehr Angst machen, Lana, als sie bereits haben!«
»Er hat dafür gesorgt, dass wir keine Hilfe anfordern können. Das hätte er nicht getan, wenn er sich unauffällig davonmachen wollte. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass ihm die Flucht weniger wichtig ist als sein Spaß.«
Finn biss die Zähne zusammen, weil ich nicht nachgab. Dann erkundigte er sich ruhig: »Was schlägst du vor?«
»Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Erstens: Du gehst mit allen, die laufen können, weiter und schaust, dass du in sicheres Gebiet kommst. Du holst Hilfe, und ich warte hier mit Laurel.«
Virginia begann zu weinen, und Laurel schien sprachlos zu sein. Ihre grünen Augen waren panisch aufgerissen.
»Gehen Sie doch mit ihnen, und Finn bleibt bei mir.«
»Lana schießt besser als ich, Laurel«, war seine einfache, aber klare Aussage, die mir zeigte, dass er meine Beweggründe nachvollziehen konnte.
»Was ist, wenn er uns anderen abfängt? Dann können wir keine Hilfe schicken«, war Carsons Einwand. Seine blauen Augen hatten den wichtigtuerischen Ausdruck verloren. Er wusste, dass er die Schuld daran trug, dass seine Familie hier in der Falle saß.
»Der Mann hat es auf junge Frauen abgesehen. Ich will nicht, dass Laurel hier zurückbleibt!« Virginia liefen die Tränen über die Wangen, und sie ließ die Hand ihrer Tochter nicht los. Ich hatte nicht wirklich mit dem Einverständnis meiner Trekkingpartner gerechnet, aber ein Versuch war es wert gewesen.
»Möglichkeit zwei: Wir bleiben zusammen und wechseln uns mit der Wache ab. Meine Kollegen vom PD sind in unsere Richtung unterwegs, weil ich sie über die Schüsse heute Nacht informiert habe.«
»Denken die nicht, wir sind bereits auf dem Weg nach Hause, Lana? Das war doch deine Absprache mit Costas, oder?«
Nun spielte Finn den Advocatus Diaboli. Ich nickte, ruhiger, als mir zumute war.
»Das ist richtig. Aber sie können Spuren lesen. Ihnen wird das Gleiche auffallen wie mir. Sie kommen deshalb auch hier herauf und finden uns.«

Also würden wir alle zusammen hier auf Rettung warten und hoffen, dass Beale zwischenzeitlich lieber weitergeflohen war. Die Entscheidung einzuheizen war mir nach der Entdeckung des defekten Funkgerätes leichtgefallen. Beale wusste, dass wir hier waren, es gab keinen Grund zu frieren und zu hungern. Während sich Finn mit den Carsons ums Abendessen kümmerte – gut, dass wir das Fleisch dabeihatten und der Ofen funktionierte – schlich ich mich nochmals hinaus.
Vorher hatte ich Anweisungen gegeben: Ich zeigte ihnen Fotos von Beale und versuchte, ihnen Einzelheiten zu diesem Mann näherzubringen. Wie er tickt, was er beherrscht.
»Beale ist ein großartiger Schauspieler, traut ihm nicht. Ihr lasst keinen außer mir rein. Sollte etwas faul sein, versuche ich das Wort Kälte in einem normalen Satz unterzubringen. Also, wenn ich sage ›hey, lasst mich schnell rein, die Kälte hier draußen ist furchtbar!‹, dann lasst ihr mich auf keinen Fall rein. Verstanden?«
Die großen Augen ließen mich hoffen, dass sie mich nicht einfach nur für paranoid hielten.
Ich wandte mich an Finn: »Verstanden?«
Er nickte und begleitete mich zur Tür. »Ich hoffe schwer, dass du nicht lange aus bist und statt über Kälte lieber über die gestrige heiße Nacht am See sprichst.« Er grinste, und ich musste ebenfalls lachen.
»Könnte sein, dass mich in diesem Fall Laurel hier mit gespitzten Krallen empfängt. Aber wenn es dir nichts ausmacht …«
Er wurde ernst, als ich ihm die Pistole in die Hand drückte.
»Du hast jetzt hier die Verantwortung, Finn.«
Er zuckte zusammen, dennoch nahm er sie an.
»Sei vorsichtig, Lana.«
Schweiß stand ihm auf der Stirn, und ich musterte ihn nachdenklich. »Wirst du zurechtkommen? Was hast du denn?«
»Wie schon gesagt: Manchmal wird mir die Enge mit den Menschen zu viel«, erwiderte er leise, und ich erkannte an seinem gequälten Blick, dass es ihm ernst damit war.
»Und die Situation macht es nicht leichter für dich, nicht wahr?« Er tat mir leid, aber ich hatte nur die Wahl zwischen Finn und Carson. Die war für mich nicht gerade schwer zu treffen.
»Ich hasse es, Verantwortung zu tragen«, brach es aus ihm hervor. Ich schüttelte irritiert den Kopf.
»Das ist doch Unsinn, Finn. Du machst dauernd Touren, auf denen die Teilnehmer auf dich angewiesen sind. Und du hast Jolene noch nie enttäuscht. Du solltest dich selbst mehr schätzen, mein Lieber.«
Er schnaubte nur abfällig. Ich öffnete geräuschlos die Tür und warf einen Blick nach draußen, das entsicherte Gewehr im Anschlag. Dann wandte ich mich nochmals zu ihm um.
»Bin gleich wieder da, mein Großer.«
Bevor ich darüber nachdenken wollte, küsste ich ihn rasch auf die Lippen, anschließend gab ich ihm einen sanften Stoß, sodass er zurücktreten musste. Meine Hand beschrieb, was er zu tun hatte, und als ich die Tür geschlossen hatte, hörte ich, wie er innen folgsam den Riegel vorlegte.
Nun war ich allein in der Wildnis. Hoffentlich! Ich schlich um die Seite der Hütte ins Dunkel, um Deckung zu finden. Dies war der heikelste Moment meines Ausflugs. Wenn Beale im Wald saß und mich beobachtete, hatte er sich bereits an die Dunkelheit gewöhnt, während sich meine Augen noch umstellen mussten.
Einige Minuten blieb ich an der hinteren Hüttenwand stehen und lauschte in die Nacht. Es wies nichts daraufhin, dass irgendwo jemand lauerte. Mich umgaben die ganz normalen Laute einer menschenleeren Natur. Doch ein geduldiger Jäger wie Beale wusste, dass er nur lange genug reglos sitzen musste, um das zu erreichen. Wir waren allerdings erst eine knappe Viertelstunde hier, das war zu früh, um Vögel und anderes Waldgetier in Sicherheit zu wiegen. Durch unsere Ankunft war es stiller als gewöhnlich, sonst gab es keinen Hinweis auf weitere Gefahren.
Ich kletterte hinter der Hütte so leise wie möglich einige Höhenmeter hinauf, dann schlug ich mich in den Wald. Hier wartete ich beinahe eine halbe Stunde, ohne etwas zu erspähen. Hatte Beale ein Nachtsichtgerät in seinen Besitz genommen, als er den Laden überfallen hatte? Davon war nicht die Rede gewesen. Aber niemand konnte mir in diesem Moment sagen, wie genau der Ladenbesitzer seinen Warenbestand geführt hatte und ob mittlerweile das Fehlen eines solchen Gerätes aufgefallen war. Für mich wäre das sichere Wissen jetzt von unschätzbarem Wert.
Auf dem Bild, das man von Beale aus der Luft aufgenommen hatte, war nichts zu erkennen gewesen, allerdings hätte es leicht in seinem Rucksack Platz gefunden. Hatte er ein Nachtsichtgerät, war mein Herumhocken sinnlos. Dann wusste der Kerl genau, dass ich hier saß und auf ein verräterisches Geräusch oder eine Bewegung wartete. Vielleicht irrte ich mich auch komplett, und er war tatsächlich bereits über alle Berge entkommen. Vernünftiger wäre es gewesen, sich aus dem Staub zu machen. Wenn es Beales Spur war, die ich heute im Wald entdeckt hatte, war er bedeutend schneller vorangekommen, als ihm irgendwer zugetraut hätte. Weiterzulaufen hätte seinen Vorsprung deutlich ausgeweitet. Was ihm dazwischengekommen war, war ich gewesen, weil ich diesen Vorsprung aufgedeckt hatte.
Ich machte mich auf den Rückweg zur Hütte und vernachlässigte die Deckung, als ich auf den Felsen trat. Alle Muskeln in Bereitschaft lauerte ich darauf, ob er zuschlagen würde. Doch es tat sich glücklicherweise nichts. Ich könnte mich kaum rechtzeitig vor einer Kugel aus dem Schussfeld hechten, wenn es auf der gegnerischen Seite ein Zielfernrohr mit Wärmebildkamera gäbe.
Zurück an der Hütte angekommen, klopfte ich leise und wandte mich aber gleich wieder mit dem Gesicht in die Nacht, um die Gefahr eines plötzlichen Überfalls und Miteindringens in die Hütte zu verhindern.
Finns Stimme hinter der Tür erklang: »Lana?«
»Ja, die Frau, die sich gerne an die gestrige heiße Nacht erinnert.«
Die Tür öffnete sich sofort, und ich betrat den inzwischen erwärmten Raum.
Außer Finns breitem Lächeln erblickte ich den offen stehenden Mund Laurels, die so dicht an Finn klebte, dass ihre Hände an seinem Rücken lagen. Sehr unklug, falls Finn sich hätte verteidigen müssen. Aber wenn ich das jetzt erwähnte, würde sie vermuten, dass es aus Eifersucht wäre. Das kleine Mädchen wusste nichts von Finns Vorliebe für ältere Frauen.
»Du kommst gerade rechtzeitig, dein Steak ist noch warm, Detective«, zwinkerte er mir zu. Ich bedankte mich und lehnte das gesicherte Gewehr neben die Tür. In dieser Hütte gab es ebenfalls zwei Schlafzimmer, in denen insgesamt vier schmale Metallbetten standen, die man, aus welchen Gründen auch immer, an den Boden geschraubt hatte. Hatte jemand einen Diebstahl an diesen hässlichen Dingern probiert? Die Carsons behielten Platz, während ich versuchte, trotz ihrer Fragen zu essen.
»Haben Sie etwas entdecken können, Lana?«
»Nein, kein Hinweis auf einen Menschen da draußen.«
»Kann es ein, dass er sich so still gehalten hat?«
Ich kaute einen Moment, sodass sie warten mussten. Der Hunger war mit einem Mal riesig.
»Ja, schon möglich.«
»Glauben Sie es?«
Hier zögerte ich kurz, während drei ängstliche, ein konzentriertes und ein beinahe unbeteiligt wirkendes Augenpaar auf mich gerichtet waren. Carsons Blick verstand ich. Der Mann war von sich selbst überzeugt wie nur wenige Männer, die ich kannte. Warum aber schien es Finn nicht zu interessieren? Schätzte er die Gefahr so abwegig ein? Sein Gesicht trug das charmante Lächeln, das wir alle an ihm lieben. Die braunen Augen blickten arglos in die Welt, als gäbe es nichts Böses.
»Du solltest dich etwas hinlegen, Lana. Du hast letzte Nacht nicht geschlafen«, schlug er vor und rettete mich so davor, eine unliebsame Antwort geben zu müssen. Ich überlegte kurz.
»Okay, wenn du die Wache übernimmst. Weck mich zwischen zwei und drei bitte. Ich möchte bereit sein, sobald die Sonne aufgeht.« Er nickte.
Ich kümmerte mich noch um Laurels Fuß, der abgeschwollen war, aber dennoch schmerzte. Sie schien mit einer leichten Zerrung davongekommen zu sein. Ich hoffte darauf, dass sie morgen wieder alleine gehen konnte. Ihr betont über mich hinweg gehender Blick belustigte mich. Klar war sie sauer. Meine Losung beim Eintreten vorhin musste ihr ja zu denken geben. An Stelle ihrer Mutter hätte ich ihr allerdings die Ohren lang gezogen, weil sie diejenige, die ihr Hilfe brachte, so geringschätzig behandelte. Glücklicherweise musste ich nicht mit solch einem Fratz leben. Möglicherweise würde sie sich nach der Pubertät trotz des schlechten elterlichen Vorbilds zum Positiven verändern.
Für Finn und mich blieb nur die harte Sitzbank zum Ausruhen. Ich legte mich ausgestreckt auf den Rücken, während Finn sich neben mich setzte und schwieg. Das Licht hatten wir ganz schwach gedimmt, sodass ich nur seinen Umriss sah, wenn ich die Augen öffnete.
Die Carsons verteilten sich auf die beiden Schlafräume. Diesmal hatten wir Glück, dass sich ein kleines Badezimmer mit Toilette im Haus befand. Die Fäkalienentsorgung war so gut geregelt, dass es zu keiner Geruchsbelästigung kam. Dennoch hörte ich Virginia im Schlafzimmer meckern. Das erstaunte mich. Ich hätte sie so eingeschätzt, dass sie aufgrund der Gefahr ihre Bequemlichkeit hintanstellen würde. Aber vielleicht genoss sie es auch nur, ihrem Mann eine Revanche zu verpassen, für alles, was er ihr mit dieser Reise aufgebürdet hatte.
Eine ganze Zeit lang lauschten wir den keifenden Stimmen, die mich am Schlafen hinderten. Schließlich erhob sich Finn von der Bank und klopfte an die Tür.
»Wir sollten morgen fit sein, deswegen wäre es nett, wenn Sie Ihre Gespräche jetzt beenden«, sagte er entschieden, und sofort herrschte Stille. Ich grinste ihm zu. »Danke.«
Seine Miene blieb ausdruckslos.
»Die machen mich wahnsinnig!«, war seine Antwort, bevor er sich wieder an den Tisch setzte. Er legte seine Hände flach auf den Tisch und schwieg.
»Schläfst du so nicht ein?«, fragte ich leise. »Du kannst ruhig in der alten Zeitung blättern oder schnitzen oder was coole Typen in einer Hütte so machen«, versuchte ich ihn aufzuheitern, aber er schüttelte den Kopf.
»Es tut mir gut nachzudenken, wenn es endlich still ist. Außerdem bin ich kein cooler Typ!«
Hm, das war deutlich. Ich beschloss, Finn einfach in Ruhe runterkommen zu lassen. »Dann gute Nacht.«
»Gute Nacht, Lana.«
Ich schlief tatsächlich ein. Nach zwei nervenaufreibenden Tagen voller Bewegung und dafür wenig Schlaf in der letzten Nacht tat es mir gut. So lange wir die Hütte nicht verließen, würde Beale nicht an uns rankommen. Wir konnten notfalls abwarten, bis es ihm zu dumm wurde oder meine Kollegen auftauchten.





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Rezensionen

»Atemberaubende Spannung und Lovestory passen nicht zusammen? ›Lana‹ ist so spannend – ich habe das Buch innerhalb weniger Abende förmlich verschlungen! Und wie es sich für einen Romantikthriller gehört, kommt auch die Liebe nicht zu kurz.«

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Erhältlich als E-Book:

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Verlag: EyeDoo Publishing
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ISBN: 978-3964436412
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Ein tolles Wochenende mit Lesern, Bloggern und Autoren auf der BuchBerlin 2018

Natürlich war ich nicht so blauäugig (ich habe ja schließlich grüne Augen) zu glauben, dass eine Messe schnell und billig vorzubereiten wäre.

Romantikthriller geht kurz und trotzdem spannend und gefühlvoll, in einer Weihnachtsgeschichte

Ihr kennt mich: Ich schreibe nicht die allerkürzesten Bücher, wenn auch keine dicken Schmöker.

Spaß beim Line Dance

Line Dance: meine typisch-amerikanische Recherche für die neue Dawson-Story

Brenzlige Recherche? Aber ich mache es doch so gerne.

Alle Dawson-Fans wissen es genau: Ich bin bereits dabei, den nächsten Band der Reihe zu schreiben, und das bedeutet recherchieren.

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